Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit: In der Türkei gefolterte Europäer*innen erwägen rechtliche Schritte gegen türkische Beamte

Hannover – 4. Februar 2026
Letzte Woche reisten verschiedene Gruppen im Rahmen der „Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit” in die kurdische Region der Türkei. Dort wollten sie ihre Solidarität mit dem Widerstand der Bevölkerung der belagerten Stadt Kobanê zum Ausdruck bringen und über die humanitäre Lage in der Region der demokratischen Selbstverwaltung in Syrien berichten.


In den letzten Tagen wurden 50 Personen, die mit der Karawane in Verbindung stehen, von der türkischen Polizei festgenommen und aus der Türkei abgeschoben. Einige der Betroffenen erheben schwere Vorwürfe gegen türkische Beamte. Sie berichten von Misshandlungen während der Haft und sprechen von Schlägen, Tritten und sexueller Gewalt, einschließlich erzwungener Nacktdurchsuchung.


„Wir wurden in Einzelzellen gebracht und teilweise über Stunden hinweg geschlagen“, so Marlene Heldmann, Journalistin und Teilnehmerin der Jugenddelegation. Auch psychologische Folter, wie die Androhung der Hinrichtung, wurde gegen sie angewendet. Die Menschen wurden teilweise stundenlang gefesselt auf dem Boden liegen gelassen. Der Kontakt zu einem Anwalt wurde ihnen verweigert.
Nun beraten sie sich mit Anwältinnen in der Türkei von der „Vereinigung der Anwälte für Freiheit“ (ÖHD) und ihren Heimatländern, um mögliche rechtliche Schritte gegen türkische Beamte einzuleiten. „Durch Inhaftierung, Gewalt, Folter und Abschiebung wollte der türkische Staat uns daran hindern, unsere Solidarität mit den Menschen in Kobanê zum Ausdruck zu bringen und über den Krieg gegen die demokratische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien zu berichten. Es werden alle Mittel eingesetzt, um die Öffentlichkeit daran zu hindern, sich ein eigenes Bild von der Lage vor Ort zu machen“, sagt Marlene Heldmann von der Jugenddelegation, die an der Karawane teilnahm. „Was wir erlebt haben, ist nur ein kleiner Einblick in die alltägliche Gewalt, der die kurdische Bevölkerung und die politische Opposition in der Türkei ausgesetzt sind. Seit Jahren wird die kurdische Bevölkerung und ihr Kampf für ein freies, würdiges Leben kriminalisiert und gewaltsam unterdrückt“, so Zozan Ombor. Erst am Dienstag den 3.2.26 wurden in der Türkei erneut 96 Menschen in einer koordinierten Polizeiaktion festgenommen. Betroffen sind zahlreiche Personen aus Gewerkschaften, der Presse und politischen Organisationen. Unter ihnen sind auch Journalistinnen der Nachrichtenagentur ETHA, die zuvor über die Karawane berichtet hatte. Zwischen dem 1. Januar und 2. Februar dokumentierte die ÖHD demnach mehr als 800 Festnahmen, über hundert Inhaftierungen, Dutzende Fälle von physischer Gewalt sowie zahlreiche Verstöße gegen Kinderrechte und die freie Berufsausübung von Anwält:innen.


„Diese Formen von Gewalt und Folter sind in der Türkei weit verbreitet. Insbesondere die Forderungen und Bemühungen um eine demokratische Gesellschaft sind mit Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung konfrontiert. Deshalb ist der Kampf für einen würdevollen Frieden eine internationalistische Verantwortung“, betont der Demokratische Kongress der Völker (HDK), in der Türkei.
Auch die europäischen Staaten werden von der Karawane für ihre Unterstützung der türkischen Regierung und des islamistischen Regimes in Damaskus kritisiert. „Wie kann es sein, dass autoritäre und islamistische Regierungen wie die in Damaskus und Ankara von europäischen Staaten wie Deutschland oder Frankreich toleriert und unterstützt werden? Wir fordern die europäischen Regierungen auf, die Menschenrechtsverletzungen der Türkei scharf zu verurteilen, die Unterstützung des syrischen Regimes zu beenden und stattdessen die demokratische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien politisch anzuerkennen“, betont Gesa Jonasson.


Die Mitglieder der Delegation stehen für Fragen und Interviews zur Verfügung.

Pressekontakt:
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(Am besten erreichbar über die Messenger Signal, Whats App und E.Mail)

Über die „Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit“
Die „Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit“ entstand als Reaktion vieler engagierter Menschen in Europa auf die zunehmenden Angriffe auf die Demokratische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, auch bekannt als Rojava. Die Teilnehmenden der Karawane verbindet das Ziel, ein starkes Zeichen der Solidarität mit dem Widerstand der Bevölkerung in Nord- und Ostsyrien zu setzen.
Am 23.2.26 hatten sich auf verschiedenen Routen mehr als einhundert Menschen aus über 10 Ländern der Karawane auf ihrem Weg nach Kobanê angeschlossen. Unter ihnen waren Journalistinnen, Landwirtinnen, Handwerkerinnen, Mitglieder eines europäischen Netzwerks gegen Femizid und Vertreterinnen der Städtepartnerschaft Göttingen-Tirbespiyê (Syrien).

An der Grenze zu Kobanê

Manchmal muss man unsichtbare Pfade gehen, um da anzukommen, wo man hinwill. Während ein Teil der Karawane an der türkischen Grenze aufgehalten wurde, verschwand ein anderer Teil für eine Weile, um in Suruc, Bakur, wieder aufzutauchen. Suruç ist 7 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, 7 Kilometer von der noch immer belagerten Stadt Kobane. Dort spitzt sich die humanitäre Lage noch immer zu. Die Versorgungslage ist schlecht, die Temperaturen niedrig. Während des sogenannten Waffenstillstands, der immer wieder von seiten der syrischen Armee gebrochen wird, baut der türkische Staat derzeit Panzer und Artilleriegerät an der Grenze zu Kobane auf.

Genau deswegen haben wir uns auf den Weg nach Kobane gemacht – um die Belagerung zu durchbrechen, um Solidarität zu zeigen und die Stadt der Hoffnung zu verteidigen. Die Stadt, die schon einmal den IS besiegt hat und dafür weltweit gefeiert wurde.

In Suruç angekommen wurden wir von der lokalen Bevölkerung und der DEM-Partei mit Blumen, Essen und Umarmungen in Empfang genommen. Wir hielten eine Pressekonferenz ab, die auch live im kurdischen Fernsehen übertragen wurde. Darin kritisierten wir die internationale Gemeinschaft, die sich noch immer nicht ausreichend zu den Angriffen auf die kurdische Bevölkerung und die Demokratische Selbstverwaltung positioniert. Im Gegenteil, es wird offen mit der sogenannten Übergangsregierung und dem islamistischen Machthaber al-sharaa kooperiert. Diese Kooperation muss sofort gestoppt werden.

Als wir nach der Beteiligung an einer Demonstration Suruc mit dem Bus verließen, wurden wir von der türkischen Polizei angehalten und festgenommen. Sie brachten uns mit Polizeibussen nach Urfa. Von dort soll es vermutlich weitergehen nach Istanbul. Es ist unklar, wie lange wir in Abschiebegewahrsam bleiben sollen.

Trotz Verhaftungen ließen wir uns nicht einschüchtern und blieben entschlossen. Durch die Polizeibusse tönten laut kurdische Lieder, so laut, dass der Busfahrer türkische nationalistische Lieder anmachte, um uns wiederum zu übertönen. Keine Chance. „Ich würde für dich sterben, Türkei“, hieß es in einem der tükisch-nationalistischen Lieder. Unsere Lieder zeugten vom Leben und vom gemeinsamen Widerstand. Wir werden weitersingen, weiterkämpfen.

Festnahme von Karawane nach Protest an türkisch-syrischer Grenze

Istanbul/Hannover 31.1.26 – Am Freitag gab die Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit in der Stadt Pirsus/Suruc, an der türkisch-syrischen Grenze, eine Erklärung der Solidarität mit den Menschen der belagerten Stadt Kobanê ab. Darin kritisierte sie die internationale Gemeinschaft für ihre Unterstützung der islamistischen Übergangsregierung in Damaskus und forderte sofortige Hilfe für die Menschen in Nord- und Ostsyrien/Rojava.

Nach der Teilnahme an einer Großdemonstration in Pirsus und ihrer Erklärung an die Presse wurde die Karawane am frühen Abend von der türkischen Polizei festgenommen. Insgesamt wurden 29 Teilnehmende mit unterschiedlichen europäischen Staatsangehörigkeiten, u.a. Irland, Frankreich, England, Deutschland, Spanien und Dänemark, verhaftet. Unter ihnen sind Journalist:innen, Landwirt:innen, Handwerker:innen, Mitglieder eines europäischen Netzwerks gegen Feminizide und Vertreter der Städtepartnerschaft Göttingen-Tirbespiyê (Syrien).

Gegen 19 Uhr Ortszeit stoppte die Polizei die Karawane in der Nähe der Stadt Pirsus/Suruc. Eine offizielle Erklärung für die Festnahme liegt derzeit nicht vor. Die Mitglieder der Karawane wurden in Polizeibussen in die Stadt Riha/Urfa gebracht. Von dort sollen sie laut Informationen von vor Ort nach Istanbul gebracht werden, um aus der Türkei abgeschoben zu werden.

„Das ist das letzte Video aus dem Polizeiauto zum Abschiebegefängnis. Wir rufen alle dazu auf, auf die Straßen zu gehen um die Belagerung der Stadt Kobanê und die Massaker zu beenden. Wir wollen, dass alle die Beteiligung der Türkei in diesem Krieg gegen die kurdische Bevölkerung sehen. Dass alle ihre Stimme für Rojava erheben“, spricht Anna Ellenberger in den letzten Minuten vor der Verhaftung in die Kamera.

Bereits am 29.1. wurde eine Gruppe von 19 Personen von der Karawane auf ihrem Weg nach Kobanê, nahe der Stadt Mêrdîn/Mardin, von der türkischen Polizei verhaftet und am 30.1. nach Deutschland abgeschoben. Die Teilnehmenden erheben schwere Vorwürfe gegenüber der türkischen Polizei. Sie sprechen von Gewalt und Foltererfahrungen in der Abschiebehaft.

Auch das Mitglied des Deutschen Bundestages, Kassem Taher Saleh, äußerte sich in einer Erklärung, die er zur Unterstützung der Karawane verfasste.

„Ich fordere die Türkei auf, diesen Akt der Menschlichkeit zuzulassen und die Karawane passieren zu lassen. Ebenso fordere ich die Bundesrepublik Deutschland auf, nicht länger die Augen vor den schweren Menschenrechtsverbrechen zu verschließen, die von den islamistischen Milizen unter Führung von Al-Sharaa in Nordostsyrien verübt werden – und vor der Rolle, die regionale Akteure dabei spielen“, schrieb Kassem Taher Saleh.

Repressionen gegen Friedensaktivist:innen sind in der Türkei kein Einzelfall. In den vergangenen Wochen wurden bereits hunderte Personen im Rahmen von Demonstrationen in Solidarität mit der Bevölkerung in Nord-Ost-Syrien in der Türkei festgenommen. Allein am Samstag, den 24.1.26 wurden nach Angaben der „Vereinigung freiheitlicher Journalist:innen“ ÖHD in Istanbul 95 Menschen bei einer Demonstration gegen die Belagerung von Kobanê in Gewahrsam genommen. Unter ihnen auch der örtliche DEM-Partei Vorsitzende Çınar Altan.

Pressekontakt:

Presseteam der europaweiten Karawane: +31 6130 48773

Über die „Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit“

Die „Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit“ entstand als Reaktion vieler engagierter Menschen in Europa auf die zunehmenden Angriffe auf die Demokratische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, auch bekannt als Rojava. Die Teilnehmenden der Karawane verbindet das Ziel, ein starkes Zeichen der Solidarität mit dem Widerstand der Bevölkerung in Nord- und Ostsyrien zu setzen. In den letzten Tagen haben sich ihr mehr als einhundert Menschen aus über 10 Ländern angeschlossen. Über verschiedene Routen ist die Karawane auf dem Weg in Richtung der türkisch-syrischen Grenze zur umzingelten Stadt Kobanê.